Montag, Oktober 20, 2008

Buch-Kurzrezension: "Die vierte Gewalt"

Das Exemplar von "Die vierte Gewalt", das ich vom Verlag erhalten habe, hat zwei bemerkenswerte Schönheitsfehler: zum einen drei grellrote Stempelaufdrucke "unverkäufliches Rezensionsexemplar", zum anderen dass die Seiten 131 bis 143 säuberlich herausgeschnitten worden sind. Letzeres hat der Verlag nicht freiwillig getan: Auf diesen Seiten befand sich in jener Sammlung von Interviews mit mal mehr, mal weniger bekannten Journalisten das Gespräch mit der taz-Chefin Bascha Mika. Die hatte eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung ihres Interviews eingereicht - unter anderem mit dem Argument, seine Freigabe sei von ihr nicht ausdrücklich autorisiert worden. Das Pikante daran: Noch vor wenigen Jahren hatte die "taz" unter Mika eine Kampagne gegen den Autorisierungswahn bei Presseinterviews betrieben. Auch erklärten die Autoren des Buches, dass Mika die Transkription des Interviews zunächst sogar gelobt und erst nach mehreren Monaten begonnen habe herumzuzicken. Trotzdem erscheint das Buch in einer Neuauflage ohne Mikas Beitrag.

Nun hält einen recherchefreudigen Genderama-Blogger wenig davon ab, sich eine noch unbeschnittene Ausgabe des Buches zu besorgen, um doch noch in den Genuss der zensierten Passage zu gelangen. In seiner Ausgabe vom 6. 10. spekuliert das Magazin FOCUS, dass der Grund für Mikas Sinneswandel in deren Outing Alice Schwarzers als lesbisch liegen könnte. Diese Theorie hat einiges für sich: Was Mika sonst von sich gibt, sind Trivialitäten, die Frage zu ihrer eigenen Homosexualität will sie nicht beantworten. Schwarzer aber wirft sie Heuchelei vor, wenn sie Homosexualität unter Frauen als die Lebensform propagiere, die vorzuziehen sei, ihre eigene entsprechende Neigung aber nicht offenlege. Auch habe Schwarzer mit ihrem dogmatischen, männerfeindlichen Scheuklappen-Feminismus der Frauenbewegung mehr geschadet als genützt.

Man täte dem Buch indes Unrecht, würde man es auf dieses Skandälchen reduzieren. Da sich die Autoren auf die Interviews sichtbar vorbereitet haben und häufig sehr kritisch fragen, erfährt man über Deutschlands Journalisten vieles. So beklagt Tissy Bruhns, dass "alle Medien gleich liberal" seien, das ehemalige SED-Mitglied Maybrit Illner erklärt "Mein Sozialismus ist der Sozialismus der Bergpredigt", CICERO-Chef Wolfram Weimer wendet sich gegen "die Partymode, das politisch Korrekte zu beschimpfen", und Eva Herman verrät, dass gegen Thea Dorn wegen deren taz-Artikel "Das Eva-Braun-Prinzip" eine Klage laufe. Dass jeder zweite Journalist die Grünen wählt, erfährt man schon auf der Rückseite des Buchs: Alles in allem eine erhellende Lektüre.

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Als kleinen Nachtrag zu dieser Rezension möchte ich gern eine Passage aus dem Schlusskapitel zitieren, in dem die Autoren zu ihrem Buchkonzept Stellung nehmen und dabei auch auf die Frage eingehen, warum doppelt so viele Männer wie Frauen in ihrem Buch vertreten sind:

Angeschrieben haben wir – mit der Bitte um ein Interview – annähernd gleich viele Frauen und Männer. Während uns aber fast keiner der Männer eine Absage erteilt hat, haben einige der Frauen ... interessanterweise gerade zwei Top-Journalistinnen, die es beide aus feministischen Gründen für richtig hielten, dass auch Top-Frauen im Buch vertreten sind, dann aber beide darauf verwiesen, dass es ja noch andere Top-Frauen gäbe ... so etwas haben wir jedenfalls von Männern nicht gehört. Na ja, und so ist es zu diesem Verhältnis von 17:9 gekommen, das aber interessanterweise dem Gesamtverhältnis von Männern und Frauen im Journalismus sehr nahe kommt.


Es ist eben immer dieselbe feministische Leier von Sexismus, Patriarchat und gläsernen Decken, wo die Wirklichkeit schlicht die Konsequenz weiblicher Entscheidungen darstellt.

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